Neurodermitis (atopisches/ endogenes Exzem, atopische Dermatitis)

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Neurodermitis, atopisches Ekzem, Allergie

Neurodermitis (atopisches/ endogenes Exzem, atopische Dermatitis) ist eine chronische Hautkrankheit, die zum atopischen Formenkreis gerechnet wird. Unter Atopie versteht man eine Form der Allergieneigung, die sich durch Ekzeme der Haut, Heuschnupfen, Asthma und verschiedene Allergien (z.B. auf Hausstaub, Tierhaare, Blütenpollen, bestimmte Nahrungsmittel, Nickel, Duftstoffe etc.) ausdrückt. Oft finden sich mehrere dieser Allergien und Erkrankungen in einer Person vereint, meistens findet sich eine Neigung zu allergischen Erkrankungen in der Familienanamnese.

Stress verstärkt die Ekzeme

Der Begriff der Neurodermitis gilt als veraltet. Ursprünglich nahm man an, eine Nervenentzündung (gr. Neuron = Nerv) (gr. Derma = Haut, gr. –itis = Entzündung) sei die Ursache der Ekzeme der Haut. Diese Theorie hat sich als falsch herausgestellt. Da das Nervensystem im Sinne der Vermittlung von Stressreaktionen jedoch einen Einfluss auf die Haut hat, beinhaltet der Begriff zumindest noch eine logische Assoziation. Denn Stress kann die Überreaktion des Immunsystems und damit die Ekzeme der Haut verstärken.


Überschießende Immunreaktion durch Allergene

Pathophysiologisch handelt es sich um eine überschießende Immunreaktion die über IgE-Antikörper (Typ I Allergie/ Soforttyp) vermittelt wird. Es kommt zu einem Überwiegen der Th-2 Antwort des Immunsystems, die typisch ist für allergische Erkrankungen. Im Zuge der Th-2 Reaktion werden vermehrt entzündungsfördernde Zytokine ausgeschüttet. T-Lymphozyten wandern in die Haut ein und lösen gemeinsam mit dort befindlichen dendritischen Zellen Entzündungsreaktionen aus.


Gestörte Barrierefunktion und autoimmune Entündung

Begünstigt werden die Entzündungsreaktionen durch eine gestörte Barrierefunktion der Haut. Durch eine verminderte Talgdrüsenproduktion hat der Neurodermitiker eine zu trockene Haut (Xerosis) und dadurch einen verminderten Schutz gegenüber potentiellen Allergenen. Durch die entzündlich veränderte Haut wird die Barrierefunktion weiter herabgesetzt, wodurch sich die allergischen Reaktionen verstärken und bakterielle Sekundärinfektionen entstehen können. Trotzdem Allergene die Ekzeme auslösen und verstärken können, handelt es sich nicht direkt um allergische Ekzeme. Die Allergene feuern vielmehr einen „endogenen“ Entzündungsprozess der Haut an, woraus sich die Bezeichnung endogenes Ekzem (gr. endogen = von innen erzeugt) ableitet. In diesem Sinne kann man bei der Neurodermitis auch von einer Autoimmunkrankheit sprechen.

Genetische Veranlagung zur Neurodermitis

Die Wahrscheinlichkeit an Neurodermitis zu erkranken steigt bei einer positiven Familienanamnese. Leidet ein Elternteil unter atopischen Ekzemen, erkrankt das Kind in 20-40 Prozent der Fälle auch. Haben beide Eltern die Hautkrankheit, steigt das Risiko des Kindes auch zu erkranken sogar auf 60-80 Prozent.

Die Tendenz zu erkranken liegt also offenbar in den Genen. Am häufigsten findet man Polymormphismen des FLG-Gens (auch Filaggrin-Gen genannt).

Interessanterweise sind auf bestimmten Chromosomen (1q21, 3q21, 17q25 und 20p12) sowohl bei Patienten mit Psoriasis vulgaris als auch bei solchen mit atopischem Ekzem Veränderungen gefunden wurden. Die speziellen Gene dieser Chromosomen stimmen zwar nicht überein, jedoch wird eine gewisse gemeinsame Veranlagung für entzündliche Hautkrankheiten angenommen.

Polymorphismen des Glutathion-S-Transferase P1 Gens (GSTP1) fanden sich in einigen Untersuchungen gehäuft. Die Glutathion-S-Transferasen sind eine Gruppe von Enzymen, die an der Entgiftung von Xenobiotika (körperfremde chemische Verbindungen wie Pestizide oder Medikamente) beteiligt sind. Sie spielen eine Rolle in der Barrierefunktion der Haut, indem sie schädliche Einflüsse abwehren helfen.


Umweltfaktoren spielen eine Rolle

Neben der erblichen Veranlagung spielen Umweltfaktoren eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Auslösung der entzündlichen Hautveränderungen. Es gilt als wissenschaftlich gesichert, dass die Erkrankungshäufigkeit in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Dennoch tut sich die Schulmedizin schwer, genaue Auslöser zu benennen. Beobachtet werden jedoch Unterschiede bei gestillten und nicht-gestillten Kindern (Stillen schützt offenbar dank mütterlicher IgA-Antikörper, die über die Milch zum Kind gelangen). Auch eine veränderte Ernährungsweise und Körperhygiene werden diskutiert. Unter dem Begriff der Hygiene-Hypothese werden mögliche unerwünschte Einflüsse von Ernährung (zu viel Zucker, zu wenige Ballaststoffe), wiederholte Antibiotika-Gaben und Impfungen auf das Immunsystem und speziell auf die gastrointestinale Flora (Darmflora) diskutiert.

In der Alternativmedizin und Naturheilkunde sind Hygiene-Hypothesen schon lange Hintergrund von Therapien wie Darmreinigung, Darmsanierung und Aufbau der Darmflora.

Aus schulmedizinischer Sicht gelten Allergien des Soforttyps (IgE-vermittelt) gegen Milben, Tierhaare, Nickel, Blütenpollen und bestimmte Nahrungsmittel als symptomauslösend und –verstärkend.

Alternativmedizinisch spielen auch Nahrungsunverträglichkeiten mit verspäteten Reaktion – ausgelöst durch IgG-Antikörper – eine wichtige Rolle. Ihre Bedeutung wird kontrovers diskutiert. Fundierte Studien sowie die klinischen Erfahrungen von Alternativmedizinern und Heilpraktikern sprechen jedoch klar für die Relevanz von IgG-vermittelten Nahrungsmittelreaktionen.

Es besteht eine Unterfunktion der Talg- und Schweißdrüsen, die zu einer trockenen und glanzlosen Haut führt. Im Säuglingsalter besteht oft Milchschorf (betr. meist Wangen und behaarten Kopf). Die Neurodermitis selbst bricht meist in den frühen Kleinkinderjahren aus und zeigt dann folgendes Hautbild:


Trockene, wunde und juckende Haut 

In leichten Fällen kommt es nur zu einer vermehrt trockenen, geröteten, zu Wundheit und Juckreiz neigenden Haut. In schwereren Fällen kommt es zur Pustelbildung, die in Schüben verstärkt auftritt. Die Pusteln jucken stark und werden häufig aufgekratzt. Dann kommt es zu nässenden Hautverletzungen, die sich zusätzlich entzünden können. In der Folge entstehen Erosionen und Krustenbildung der Haut.


Meist sind die Gelenkbeugen betroffen

Zunächst können die Streckseiten der Gelenke befallen sein. Im weiteren Verlauf zeigt sich dann meist der typische Befall der Gelenkbeugen. Beim Erwachsenen sind häufig auch Gesicht, Hals, Brust und Schultern befallen.


Weißer Demographismus, Lichenifikation, Atopiefalte

Es ist ein weißer Dermographismus auslösbar (weißlich verdickte Kratzspuren). Lichenifikation (vergröberte Hautfelderung) ist besonders an den Handinnenflächen sichtbar, was die Haut gealtert erscheinen lässt. Typisch ist die sogenannte Atopiefalte unter den Augen (doppelte Unterlidfalte). Die Neurodermitis kann mit zunehmendem Alter an Intensität abnehmen oder gar größtenteils ausheilen (um das 30 Lj.).


Komplikationen

Es kann zu Sekundärinfektionen durch Bakterien oder Viren auf der vorgeschädigter Haut kommen.

Fettende Salben – Kortison – Immunsuppressiva

Bei leichteren Formen können fettende Salben und das Meiden von Allergenen ausreichend sein, um die Symptome in Schach zu halten. Kommt es zu Schüben mit stärkeren Entzündungsreaktionen der Haut, werden lokal kortisonhaltige Salben eingesetzt. In sehr schweren Fällen werden auch Immunsuppressiva wie Ciclosporine verabreicht. Gegen starken Juckreiz und wenn allergische Reaktionen im Vordergrund stehen, können oral verabreichte Anthistaminika hilfreich sein.


Klimakuren am Meer oder im Hochgebirge lindern Neurodermitis

Der Aufenthalt in allergenarmen Klimaregionen wie am Meer oder im (Hoch)gebirge lindert häufig die Beschwerden. Kuraufenthalte werden bevorzugt an diesen Orten durchgeführt. Speziell Sonnenlicht und UV-Lichttherapien können symptomlindernd wirken. 

Alternative Therapie

Entzündungshemmende Therapie bei Neurodermitis

Alternativmedizinisch wird auch auf eine entzündungshemmende Therapie gesetzt. Nur versucht man diese durch nebenwirkungsarme- und freie Mittel zu erreichen. Vitamin D wirkt bekanntermaßen immunregulierend und hat sich in einigen Studien als lindernd bei allergische Erkrankungen erwiesen. Vitamin E und C wirken als Radikalenfänger, Omega-3-Fettsäuren (aus Fischöl, Hanföl oder Leinöl) haben einen entzündungshemmenden Charakter. Die Einnahme von Glutathion oder anderen schwefelhaltigen Nährstoffen unterstützt die Entgiftung und kann helfen die Barrierefunktion der Haut aufrechtzuerhalten. Nachtkerzenöl (enthält die Omega-6-Fettsäure Gamma-Linolensäure) sowie Kokosöl können äußerlich aufgetragen die Entzündungen lindern. Schwarzkümmelöl innerlich eingenommen zeigt eine antiallergische und antimikrobielle Wirkung. Da Neurodermitiker oft mit Darmpilzen zu tun haben, sind neben einer zuckerfreien Diät Probiotika und Oreganoöl mögliche Therapieoptionen.


Meiden unverträglicher Nahrungsmittel

Aus ganzheitlicher Sicht beschränkt sich eine Allergenkarenz nicht nur auf IgE-spezifische Allergien. IgG-spezifische Nahrungstests zeigen einen individuellen Diätplan auf, der das Immunsystem zusätzlich entlasten kann. Da IgG-vermittelte Immunreaktionen ohne starke Histaminausschüttung und mit zeitversetzten Reaktionen (12 bis 72 Stunden nach Allergenkontakt) auftreten, sind sie dem Patienten oft nicht bewusst. Werden gemäß einem Test dann unverträgliche Nahrungsmittel weggelassen, bessern sich meist vorhandene Verdauungsbeschwerden und Hautsymptome. Überdurchschnittlich oft zeigen sich Unverträglichkeiten gegenüber glutenhaltigen Getreiden, dem Milcheiweiß Kasein (in allen Milchprodukten enthalten außer in Molke; Ziegenmilch ist relativ kaseinarm) und Hühnerei. Auch ohne einen vorherigen Nahrungstest kann sich eine probeweise Auslassdiät dieser Nahrungsmittel als positiv erweisen.


Aufbau der Darmflora und Darmbarriere

Schließlich wird aus alternativer Sicht der Darmflora und Darmbarriere eine große Aufmerksamkeit geschenkt. Eine Darmfloranalyse (auch Mikrobiomanalyse) – wie sie mittlerweile von vielen Laboren durchgeführt wird – kann bei der Auswahl gezielter Probiotika hilfreich sein. Die Aminosäure L-Glutamin und das Lipid Lecithin stabilisieren die Darmschleimhaut und dienen der Behandlung eines möglichen Leaky-gut-Syndroms.